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BioFilia

In den letzten Wochen war es fast unmöglich, nichts vom Streit um den Hambacher Forst in Nordrhein-Westfalen zwischen Köln und Aachen mitzubekommen.

Der Energiekonzern RWE will weitere Hektar des Hambacher Forsts abholzen, um den daran anschließenden Braunkohletagebau auszuweiten. Umweltorganisationen und Aktivisten versuchen hingegen, dies zu verhindern.

Der Konflikt um die restliche Fläche des Hambacher Forst schwelt seit Jahrzehnten ( –> Mehr dazu). Doch im September 2018 eskalierte die Situation, als die Räumung der von Aktivisten erbauten Baumhäuser verordnet und im Rahmen eines beispiellosen Polizeieinsatzes vollzogen wurde.

Der BUND (Bund für Naturschutz) konnte quasi „in letzter Sekunde“ erreichen, dass durch das Oberverwaltungsgericht Münster ein vorläufiger Rodungsstopp im Hambacher Forst verfügt wurde. Dennoch finden weiterhin Demonstrationen statt, gegen Braunkohle und für den Erhalt des Forsts. Der genaue Verlauf der Ereignisse kann vielfach im Internet nachgelesen werden (–> Mehr lesen).

Darum soll es in diesem Artikel gar nicht im Detail gehen.

Vielmehr will ich auf die Frage eingehen, warum denn ausgerechnet ein gerade mal 200 Hektar großes Waldstück so einen Aufruhr verursacht- und warum es so wichtig ist, gerade dieses kleine Waldstück zu erhalten.

Da ich dieses Thema sehr wichtig finde und der Artikel sehr lang ist, ist das wichtigste in diesem Video zusammengefasst – im Artikel gibt es aber noch ein paar zusätzliche Themen.

Warum ist ausgerechnet dieses Waldstück so besonders?

Ein Blick zurück: die Geschichte des Waldes

Um das besser zu verstehen, schauen wir uns kurz die Geschichte des Waldes in Deutschland an.

Ohne menschliche Einflüsse wäre Deutschland nahezu vollständig mit Laubmischwäldern bedeckt. Doch Menschen nutzen den Wald seit jeher – vor allem das Holz der Bäume, aber auch die Waldflächen selbst.

Die Vernichtung der Wälder

Ab dem Mittelalter verstärkte sich der Einfluss des Menschen. Schon zum Ende des Mittelalters entsprach die Waldverteilung ungefähr dem heutigen Stand.

Es wurden immer größere Mengen an Holz gebraucht. Zuerst vor allem als Feuerholz und zum Bauen von Gebäuden und Schiffen. Ganze Flotten wurden zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert aus dem Holz aus deutschen Wäldern gebaut. Auch Bergbau, Glashütten und Salinen benötigten riesige Mengen Holz.

Und nicht nur das. Der Wald wurde von den Bauern auch als Weidefläche für ihr Vieh genutzt und Laub und Nadeln wurden gesammelt, um sie als Einstreu im Stall zu verwenden. Das führte zur Verarmung der Böden.

Rettung in letzter Sekunde

All dies hatte zur Folge, dass die Wälder in Deutschland Anfang des 19. Jahrhunderts in einem desolaten Zustand waren, sie drohten gar zu verschwinden und damit drohte den Menschen auch eine Holznot.

Waldvernichtung
Holz wurde mit wachsenden Bevölkerungszahlen immer mehr gebraucht. Als Brennholz, und Bauholz. Zusätzlich wurden die Wälder stark landwirtschaftlich genutzt. So wurden die Wälder Deutschlands auf 1/3 ihrer ursprünglichen Fläche reduziert und um 1800 drohte eine Holznot.

Es wurde sich aus der Not heraus um eine Lösung bemüht, und diese hat bis heute Bestand: nachhaltige Forstwirtschaft, bei der nur so viel aus dem Wald entnommen wird, wie auch nachwachsen kann.

Und tatsächlich schrumpften die Wälder nicht weiter und konnten sogar die Zeit der Industrialisierung überstehen. Um 1900 waren etwa 26 % Deutschlands bewaldet, genau wie um 1400. Die Zahlen sind Schätzungen, es gibt keine genauen Karten.

Doch seitdem wachsen die deutschen Wälder wieder – heute ist rund 1/3 des Landes mit Wald bedeckt. Weltweit betrachtet jedoch schrumpfen die Wälder leider weiter (–> mehr über Wälder)

Aber was hat das jetzt mit dem Hambacher Forst zu tun?

Ein Überlebender der Geschichte

Der Hambacher Forst hat eine Eigenschaft, die ihn zu etwas ganz besonderem macht: auch wenn die Flächen, auf denen sich der Forst befindet, sicherlich seit langer Zeit durch Menschen genutzt werden – sie sind seit etwa 12000 Jahren, also seit der letzten Eiszeit, mit Wald bedeckt.

Mit Blick auf die Geschichte des Waldes in Deutschland wird die Bedeutung deutlich: der Hambacher Forst ist einer der wenigen Wälder, die die Entwaldung Deutschlands während des Mittelalters und der frühen Neuzeit überstanden haben und sich seit der letzten Eiszeit ununterbrochen weiterentwickeln konnten.

Bevor der Braunkohletagebau begann, war der Wald über 4000 ha groß. Übrig sind noch etwa 200 ha.

Renaturierung – leichter gesagt als getan

Da fragt man sich doch, ob das nun nicht auch egal ist, der größte Teil des Waldes ist doch sowieso nicht mehr da. Und außerdem renaturiert RWE doch auch viele Flächen. Flächen, die viel größer sind als der kleine Rest des Hambacher Forstes.

Insgesamt wurden bisher rund 8000 ha Wald aufgeforstet, 1500 ha davon nicht weit des kleinen übrigen Waldstücks. Und laut Website des Konzerns über den Hambacher Forst bestätigen Wissenschaftler die Qualität der Renaturierungskonzepte. Das Ziel dieser Bestrebungen ist es, neue Lebensräume zu schaffen.

Das erscheint auf den ersten Blick eine tolle Lösung zu sein, und es ist sicherlich ein Beitrag. Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen den neu angelegten Lebensräumen und natürlich gewachsenen Lebensräumen.

Wald Nationalpark

Lebensraum und Ökosystem 

Um es etwas extrem auszudrücken: Aufgeforstete Flächen in einem solchen Bereich sind – zumindest erstmal – nur eine Ansammlung von Bäumen. Ein Wald dagegen, wie der Hambacher Forst, ist ein gewachsenes Ökosystem mit regionaltypischen Eigenschaften, das in dieser Form einmalig ist.

Was ein Ökosystem ist, ist gar nicht so leicht zu erfassen, denn es ist kein statisches Gebilde. Arten, die in einem bestimmten Gebiet (zum Beispiel einem Wald) leben und miteinander interagieren (also einer lebt von/auf/mit dem anderen) bilden eine Lebensgemeinschaft (Fachbegriff: Biozönose).

Bezieht man nun auch noch die physikalische Umwelt (also die nicht-lebendige Umwelt, wie Klima, Boden und Wasserverfügbarkeit) mit ein und wie sich das auf die Lebewesen in diesem Gebiet auswirkt, dann spricht man von einem Ökosystem.

Die Umweltfaktoren in einem Gebiet bestimmen die grundlegenden Bedingungen und beeinflussen so die dortige Artenzusammensetzung und Artenverteilung.

Da in einem Ökosystem sehr viele Arten vorkommen können, entsteht ein komplexes Gefüge, das aber oft durch ein paar wenige Arten besonders geprägt wird.

Ökosysteme im Wald: nichts geht verloren!

Wälder sind sehr langlebige Ökosysteme, die viel Biomasse (die Gesamtmasse der Lebewesen) enthalten. Je nach Umweltfaktoren entwickeln sich unterschiedlich aufgebaute Wald-Lebensgemeinschaften.

Ob eine Pflanze an einem Ort wachsen kann, hängt davon ab, ob sie dort die passenden Licht-, Wasser- und Bodenverhältnisse findet. Und davon, wie viel Konkurrenz durch andere Pflanzenarten es gibt. In einem natürlich wachsenden Wald ändern sich die Verhältnisse ständig mosaikartig und je nach Wachstums-Stadium haben verschiedene Arten Vor- oder Nachteile.

Grundlegend für die Funktion von Ökosystemen sind Stoffkreisläufe und das Nahrungsnetz. Stoffe im Ökosystem gehen nicht verloren. Die Lebewesen ernähren sich voneinander und durch ihre Ausscheidungen oder nach ihrem Tod werden die Stoffe, die sie aufgenommen haben, mit Hilfe von Bakterien und Pilzen wieder für die Pflanzen verfügbar, die die Grundlage des Nahrungsnetzes bilden.

Ökosystem Wald Stoffkreislauf
So sieht stark vereinfacht der Stoffkreislauf in einem Ökosystem aus (eigentlich hat jeder Stoff seinen eigenen Kreislauf und es können noch viel mehr Schritte und Lebewesen beteiligt sein). Nichts geht verloren.

In den Buchenwäldern Mitteleuropas sind rund 4300 Pflanzen- und Pilzarten bekannt, sowie rund 6700 Tierarten.

Diese leben natürlich nicht unbedingt alle in einem Wald, aber die Zahlen verdeutlichen die Vielfalt an Lebewesen.

Ökosysteme sind immer mehr als die Summe ihrer Teile!

Um das ganze besser zu verstehen, schauen wir uns doch ein Beispiel an, das eine wichtige Rolle im Ökosystem Wald spielt: die Zusammenarbeit zwischen Pilzen und Pflanzen.

Ein Erfolgsrezept: Pilze und Pflanzen

Pilze sind viel mehr als die oberirdisch sichtbaren Fruchtkörper. Der eigentlich Pilz lebt unsichtbar im Erdboden (manche auch im Holz von Bäumen oder in oder auf anderen Wirten) und durchdringt ihn mit „Pilzfasern“, den sogenannten Hyphen.

Die Pilze umhüllen die äußeren feinsten Wurzeln von Bäumen mit einem dichten Fadengeflecht. Diese umhüllten Wurzeln werden als Mykorrhiza bezeichnet: Pilzwurzeln. In Mitteleuropa sind Baumwurzeln durchgängig von Mykorrhiza-Pilzen besetzt.

Dies ist mit Vorteilen für Baum und Pilz verbunden. Die feinen Pilzfasern helfen, Nährstoffe aus den kleinsten Bodenporen zu lösen. Einen Teil davon gibt der Pilz an den Baum ab – und erhält im Gegenzug Zucker vom Baum.

Außerdem schützt das Pilzgeflecht die Wurzeln des Baumes vor bestimmten Schadstoffen  und vor Krankeitserregern, erhöht die Stressresistenz der Bäume, fördert ihr Wachstum und spielt sogar eine Rolle für den Informations- und Nährstoffaustausch zwischen den Bäumen.

In einem neu angelegten Wald dauert es natürlich eine längere Zeit, bis sich dieses Geflecht vollständig und artenreich gebildet hat – bis dahin können Pilze und Pflanzen die Vorteile nur eingeschränkt genießen.

Auch das Ende ist ein Anfang

Andere Pilzarten wachsen auf totem Holz und ernähren sich davon. Sie spielen dadurch eine sehr wichtige Rolle bei der Zersetzung toter Pflanzen und damit für die Stoffkreisläufe im Wald.

Übrigens ist auch Totholz ein wichtiger Teil des Ökosystems. Nicht nur Pilze und Mikroorganismen, sondern auch Insekten und andere wirbellose Tiere leben darauf und davon.

Vögel und kleine Säugetiere (Höhlenbrüter wie Meisen und Spechte, Siebenschläfer, Fledermäuse) nutzen Höhlen und Spalten als Unterschlupf oder ernähren sich von den Kleinlebewesen. Das Vorkommen von Totholz ist von großer Bedeutung für die Artenvielfalt.

Damit größere Mengen von Totholz in einem Wald vorhanden sind, muss dieser natürlich erstmal wachsen und sich entwickeln – junge Bäume stellen nur wenig Totholz zur Verfügung.

Diese Beispiele zeigen, dass ein Ökosystem mehr ist als die Summe seiner Teile. Lebewesen in einem Ökosystem leben nicht einfach nebeneinander her, sondern bilden ein Geflecht vielfacher Interaktionen, die sich über lange Zeiträume herausbilden.

Baumpilze

Immer offen und ständig im Wandel

Allerdings ist ein Ökosystem, wie schon erwähnt, kein festes Gebilde. Sondern ein sich ständig veränderndes offenes System. Es mag überraschend sein, aber man kann Ökosysteme nicht erhalten. Grundsätzlich nicht. Man kann sie auch nicht zerstören oder wiederherstellen.

All dies kann man mit einem Lebensraum tun. Aber nicht mit einem Ökosystem, das einfach ein Ausschnitt aus dem Naturhaushalt ist und sich sowieso ständig wandelt.

Das Ökosystem an sich hat keine räumliche Begrenzung, und jede Zuordnung entspringt menschlicher Vorstellung. Störungen, ob natürlicher Art oder durch menschliche Einflüsse, führen zu Wandel, aber nicht zur Zerstörung des Systems.

Moderner Naturschutz ist daher Prozess-Schutz, bei dem der Lebensraum zwar erhalten wird, aber das Ökosystem in diesem begrenzten Gebiet sich natürlich weiter entwickeln kann.

Warum Renaturierung keine Ökosysteme erhalten kann

Wird ein Lebensraum zerstört, ist es deshalb aber nahezu unmöglich, die dortigen Ökosystem-Prozesse wieder herzustellen, in dem man einfach versucht, einen vergleichbaren Lebensraum an anderer Stelle wieder aufzubauen.

Der Irrglaube, das dies möglich ist, hat es einfach gemacht, Gebiete zu erschließen, die sich durch besondere natürliche Lebensräume und die dazugehörigen Ökosysteme auszeichnen.

Dafür werden dann andernorts so genannte Ausgleichsflächen geschaffen. Nur selten aber können in diesen restaurierten Gebieten die selben Arten leben, die für den zerstörten Lebensraum charakteristisch waren.

Eine renaturierte Fläche ist also zwar hübsch anzuschauen und kann langfristig auch zu einem attraktiven Lebensraum werden. Sie ist aber kein Ersatz für die zerstörten Lebensräume und die zum Zeitpunkt der Zerstörung vorhandenen Ökosysteme. Diese sind unwiederbringlich verloren.

Im Zuge des Braunkohletagebaus wurden die wertvollen Löss-Böden abgetragen und stark in den Grundwasserhaushalt eingegriffen. Diese Eingriffe sind nicht rückgängig zu machen, die Renatuerierung ist damit nur oberflächlich möglich. Bis sich ein so komplexes Ökosystem bildet wie in dem verlorenen Lebensraum können Jahrhunderte vergehen.

Wald Ökosystem

Der Hambacher Forst und der Artenschutz

Im Rampenlicht: Die Bechsteinfledermaus

Als nächstes werfen wir mal einen Blick auf die besonderen Tierarten, die im Hambacher Forst vorkommen. Besonders im Rampenlicht steht dabei eine Fledermaus: die Bechsteinfledermaus. Wie alle Fledermausarten ist die Bechsteinfledermaus in Deutschland eine streng geschützte Art (nach §44 Bundesnaturschutzgesetz).

Diese Fledermausart ist eine Waldfledermaus, die auf alte, geschlossene, mehrschichtige Laubwälder mit einem hohen Angebot an Baumhöhlen angewiesen ist.

Ihr Verbreitungsschwerpunkt liegt in Deutschland. Es besteht also eine besondere Verantwortung gegenüber dieser Art. In der Roten Liste Deutschland (2009) wird sie als stark gefährdet eingestuft. Gefahr droht den Tieren besonders durch Lebensraumverlust und den Verlust insektenreicher Landschaftsbestandteile.

Und vor allem auf diese Art bezieht sich auch die aktuelle Verfügung des Oberverwaltungsgerichts Münster. Bevor gerodet werden darf, muss geklärt werden, ob der Hambacher Forst die Kriterien für ein Schutzgebiet nach der FFH-Richtline erfüllt.

Was ist die FFH-Richtlinie?

Ausgeschrieben: Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der Europäischen Gemeinschaft. Ziel der Richtlinie ist die Erhaltung der Artenvielfalt durch den Schutz natürlicher Lebensräume und der wildlebenden Tiere und Pflanzen im Gebiet der Mitgliedsstaaten.

Die Richtlinie dient als Grundlage für den Aufbau eines eurpäischen Schutzgebiet-Systems (Natura 2000), um eine Vernetzung von Lebensräumen zu erreichen.

Sie listet Arten auf, die von besonderer Bedeutung sind und unter strengem Schutz stehen. Strenger Schutz verbietet Fang und Tötung sowie Störung der Fortpflanzungs- und Ruhestätten dieser Arten. Ausnahmen können unter bestimmten Bedingungen genehmigt werden.

Neben der Bechsteinfledermaus leben im Hambacher Forst weitere Arten, die in der FFH-Richtlinie aufgeführt werden, wie die Haselmaus, das große Mausohr (ebenfalls eine Fledermaus), Gelbbauchunke, Kammmolch und einige mehr.

Ein umstrittenes Argument

Die Argumentation, dass der Hambacher Forst als Schutzgebiet nach der FFH-Richtline ausgewiesen werden müsse, ist durchaus umstritten. Zusätzliche Schutzgebiete seien nur dann auzusweisen, wenn das bisherige Schutzgebiet-System unzureichend für diese Art ist. Ob das der Fall ist, muss geklärt werden.

Es kommt durchaus vor, dass  Erschließungsvorhaben aufgrund der potentiellen Störung (oder gar Tötung) streng geschützter Arten nicht genehmigt werden – gerade auch im Bereich der Windkraft als Alternative zur Kohle. Dafür muss das Gebiet kein Schutzgebiet sein, es reicht das Vorkommen bestimmter Arten.

Hambacher Forst FFH-Arten
Bechsteinfledermaus, Großes Mausohr, Haselmaus, Kammmolch und Gelbbauchunke. Diese und weitere Arten, die in der FFH-Richtlinie aufgeführt sind, leben im Hambacher Forst.

Wald oder Kohle? Die Ironie eines Streits

Der Streit um den Hambacher Forst hat eine gewisse Ironie. Braunkohle ist ein Brennstoff, der zur Energiegewinnung eingesetzt wird. Bei der Verbrennung werden große Mengen an Kohlenstoffdioxid (CO2) frei, dessen steigende Konzentration in der Atmosphäre als einer der Hauptauslöser des Klimawandels gilt.

Stromproduktion mit Hilfe von Braunkohle gilt als wenig effizient und wegen der Zusammensetzung der Kohle wird besonders viel CO2 frei.

Pflanzen dagegen, also auch die Bäume im Hambacher Forst, nehmen CO2 auf und verwenden es für die Photosynthese und für ihr Wachstum. Sie speichern also CO2. Pflanzen können so CO2 aus der Atmosphäre entfernen und spielen deshalb eine wichtige Rolle dabei, den Klimawandel einzuschränken.

Damit aber nicht genug. Warum wird bei der Verbrennung von Braunkohle CO2 frei? Sie ist aus Pflanzen entstanden, die vor Millionen von Jahren CO2 aus der Atmosphäre in ihren Körpern gebunden haben.

In Mooren sammelten sich abgestorbenes Pflanzenmaterial an, das von Wasser bedeckt kaum verrotten konnte. Von Mikroorganismen wurde es nach und nach zu Torf umgewandelt.

Auf der Torfschicht wuchsen neue Pflanzen und das ganze begann von neuem. Im Laufe der Erdgeschichte bedeckten dann Meere diese Torfschichten. Das Gewicht des Wassers presste sie immer mehr zusammen und verdichtete sie zu Kohle. Dieser Vorgang wiederholte sich oft mehrfach.

Der Rohstoff selbst, der unter der Zerstörung von Lebensräumen gewonnen wird, entstand also einst aus Pflanzen. Und gerade Pflanzen sind es, die die bei der Verbrennung frei werdenden Stoffe wieder binden können.

Waldboden

Rettet den Hambacher Forst!?

Kommen wir zurück zu der Frage, ob der Hambacher Forst erhalten werden sollte.

Aufgrund seiner Geschichte könnte man ihn als Naturdenkmal bezeichnen.

Er beherbergt seltene und geschützte Arten, auch wenn nur noch ein kleiner Teil seiner ursprünglichen Fläche übrig ist.

Er beherbergt ein Ökosystem, das an anderer Stelle nicht genauso wieder hergestellt werden kann und das durch den Eingriff der Rodung und des späteren Kohleabbaus abrupt zur Unkenntlichkeit gewandelt wäre.

Oft wird gesagt, dass der Erhalt „für unsere Zukunft“ wichtig sei.

Eine ehrliche Antwort

Doch seien wir ehrlich. Deutschland ist zu rund 32 % bewaldet, das sind etwa 11,4 Millionen Hektar, mit steigender Tendenz. In diesen Wäldern gibt es durchaus vergleichbare Lebensräume und Ökosysteme.

Gleichzeitig gehen weltweit täglich über 30000 Hektar Wald verloren, das meiste davon in den Tropen.

Was sind dagegen schon die 200 Hektar des Hambacher Forsts?

Durch Verlust dieses Waldstücks wird sicher keine Art ausgerottet, auch wenn die meisten Arten an dieser Stelle ihren Lebensraum verlieren.

Im Vergleich zur gesamten Waldfläche in Deutschland spielt er wohl auch eher keine große Rolle bei der Bindung von CO2.

Aus rein biologischer Sicht spielt ausgerechnet dieser Wald keine Rolle für unsere Zukunft.

Perspektivenwechsel – und noch eine ehrliche Antwort

Die Antwort auf die Frage, warum der Wald erhalten werden sollte, ist nur ideell zu beantworten. Auf dieser Ebene trifft dann auch die Antwort zu, dass der Wald „für unsere Zukunft“ erhalten werden sollte.

Der Hambacher Forst hat längst Symbolcharakter.

Er ist Symbol dafür, dass der Wert der Natur nicht wirtschaftlich messbar ist.

Er ist ein Symbol dafür, dass wir Wege finden müssen, die Natur auch für zukünftige Generationen zu erhalten statt sie immer weiter zu zerstören.

Er ist ein Symbol dafür, wie viele Menschen sich einen wertschätzenden Umgang mit der Natur wünschen.

Ein Symbol für den Konflikt zwischen wirtschaftlichen Interessen und dem Erhalt der Natur.

Und ein Symbol dafür, dass die Welt nicht nur den Menschen gehört, sondern jedem einzelnen Lebewesen.

Dazu kommt die Tatsache, dass die Nutzung fossiler Brennstoffe sich ohnehin dem Ende zuneigt. In wenigen Jahrzehnten werden die Vorräte aufgebraucht sein.

Um den Klimawandel einzuschränken, ist es notwendig, die Nutzung auch vorher schon stark zu reduzieren. Nur den derzeitigen wirtschaftlichen Wert der Kohle zu sehen, scheint kurzsichtig gedacht.

Und so ist der Hambacher Forst vor allem ein Symbol für die möglichen Antworten auf diese Frage:

In was für einer Welt wollen wir leben – und welche Welt wollen wir zukünftigen Generationen hinterlassen?

Welt Wald

 

Quellen

 

 

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