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BioFilia

Jeder kennt Rehe. Häufig kann man sie in der Morgen- oder Abenddämmerung, manchmal auch mitten am Tag, am Waldrand grasen (bei Rehen und anderen Wildtieren wird das „äsen“ genannt) sehen. Die kleinste Störung lässt sie aufschauen und im nahen Wald verschwinden.

Sicherndes Reh
Wenn Rehe eine Störung wahrnehmen, dann starren sie gebannt in deren Richtung – in dem Fall in meine Richtung. Dieses Verhalten wird „sichern“ genannt. Allerdings können sie bewegungslose Objekte nur schlecht wahrnehmen. ich bin einfach erstarrt und nach einigen Augenblicken äste das Reh weiter.

Jedes Reh ist ein Hirsch, aber nicht jeder Hirsch ist ein Reh

Rehe gehören zu den Hirschen. Sie sind in Europa die häufigste (und die kleinste) Hirschart. Erstaunlicherweise sind sie aber näher mit Elchen und Rentieren verwandt als mit dem ebenfalls in Mitteleuropa heimischen Rothirsch.

Ursprünglich lebten Rehe in den Randbereichen von Wäldern. In der heutigen Kulturlandschaft kommen sie aber auch in „Agrarsteppen“ fernab von Wäldern vor.

In solchen Gegenden haben Rehe einige neue Verhaltensweisen entwickelt, die sich deutlich von denen der Rehe im ursprünglichen Lebensraum unterscheiden. So kommen sie dort in viel größeren Gruppen vor und statt sich bei Gefahr ins nächste Dickicht zu flüchten, fliehen sie wie der Rothirsch auf Distanz.

Trotzdem haben sie noch den gleichen Körberbau wie alle Rehe: lange, stark gewinkelte Beine und eine nach vorne abfallende Wirbelsäule – beides perfekte Anpassungen daran, so schnell wie möglich durch’s Dickicht zu schlüpfen.

Das Fell der Rehe ist im Sommer rotbraun und im Winter graubraun. In manchen Gegenden kommen auch schwarze oder weiße Rehe gehäuft vor. Männliche Rehe – die Böcke – tragen ein Geweih, das aber viel kleiner ist als bei vielen anderen Hirschen. Weibliche Rehe – die Ricken – tragen kein Geweih.

Reh
Hier kann man gut den Körperbau des Rehs erkennen – es ist hinten höher als vorne und die Hinterbeine sind stark gewinkelt. Diese Merkmale helfen dem Reh, sehr schnell durch Dickicht und Unterholz zu schlüpfen.

Was Rehe mögen

Rehe sind standorttreu, das heißt, sie besetzen, teils über Jahre, feste Reviere, die sie durch Duftstoffe aus bestimmten Drüsen markieren.

Während Rehe im Sommer, vor allem während der Aufzuchtzeit der Kitze, meist einzelgängerisch leben, schließen sie sich ab dem Herbst zu kleinen Gruppen zusammen (diese Gruppen werden Sprünge genannt). Bei den Feldrehen können diese Gruppen allerdings auch aus an die 100 Tieren bestehen.

Als Nahrung mögen Rehe vor allem leicht verdauliche und eiweißreiche Kost, natürlich vegetarisch. Dazu gehören junge Gräser, Knospen und Kräuter.

Ein etwa 20 kg schweres Reh braucht davon 2 – 4 kg pro Tag! Wie alle Hirscharten sind Rehe Wiederkäuer. Das heißt, sie können ihr Futter erst verdauen, wenn sie es einmal hochgewürgt und ein zweites Mal zerkaut haben.

Rehe
Gerade in den frühen Morgen- und Abendstunden sind Rehe häufig zu beobachten. Wenn man das Glück hat, gegen den Wind zu stehen, sodass sie den Geruch nicht so gut wahrnehmen können, kommt man manchmal recht nahe an sie heran.

Nachwuchs nach Plan

Die Brunftzeit – also die Paarungszeit – findet von Juli bis August statt. Auffällig zu dieser Zeit ist oft, dass die Tiere sich häufiger unvorsichtig verhalten, vor allem Böcke, die eine paarungsbereite Ricke in der Nase haben.

Schon vor der Brunftzeit haben die Böcke klar ihre Reviere abgesteckt. Die Ricken aber sind tatsächlich jeweils nur für wenige Tage paarungsbereit. In dieser Zeit spüren die Böcke sie auf und folgen ihnen manchmal über Tage.

Allerdings haben Rehe einen Trick, um sich vor dem Winter nicht schon durch die Trächtigkeit zu verausgaben, und der ermöglicht, dass sowohl Geburt als auch Brunftzeit in eine futtereiche Zeit fallen.

Die befruchtete Eizelle ruht bis zum Dezember (sogenannte Keimruhe), erst dann entwickelt sich der Embryo weiter. Eine solche Keimruhe kommt nur bei sehr wenigen Säuegtierarten vor und bei keiner anderen Hirschart. Die Kitze kommen dann im Mai und Juni des darauffolgenden Jahres zur Welt.

Für die Geburt sucht sich die Ricke einen ruhigen Platz aus, häufig in hoch stehenden Wiesen in Waldnähe (sofern Wald vorhanden ist). Dort bringen sie meist ein oder zwei, manchmal aber auch bis zu vier Kitze zur Welt.

Die Kitze können schon 30 Minuten nach der Geburt stehen und nach wenigen Stunden gehen. Voll koordinationsfähig sind sie aber erst nach ein paar Tagen.

Die ersten drei bis vier Wochen bleiben Rehkitze in der Deckung zurück, während die Mutter auf Nahrungssuche ist. Sie wären zwar schon im Alter von ein paar Tagen in der Lage, der Mutter zu folgen.

Es ist aber für beide energiesparender, wenn das Kitz im Versteck ruht, während die Mutter unterwegs ist, da das Kitz eben ruht, und die Mutter nicht ständig auf das Kitz und mögliche Gefahren achten muss.

Nach diesen vier Wochen folgen die Kitze dann der Mutter und stellen sich mehr und mehr von Milch auf Pflanzennahrung um. Ab März des nächsten Jahres dann trennen sich die Jungtiere vollends von ihren Müttern.

Rehkitz
Ein Rehkitz in der Deckung. Ihr Versteck suchen sich Kitze meist selbst aus. Bei Gefahr duckt sich das Kitz nah an den Boden. Ricke und Kitz finden sich durch bestimmte Laute wieder. (Foto: pixabay)

Überlebenskünstler

Aufgrund ihrer geringen Größe haben Rehe viele Fressfeinde. Dazu gehören Steinadler, Wildkatze, Wildschwein, Rotfuchs, Wolf und Luchs. Nur die letzten drei sind wirklich bedeutsam, wobei Luchs und Wolf in weiten Teilen Mitteleuropas keine Rolle spielen und der Rotfuchs vor allem junge Kitze erlegt.

Menschliche Einflüsse jedoch sind ebenfalls große Gefahren für Rehe. Neben der Jagd gehören dazu vor allem der Straßenverkehr, dem jedes Jahr in Deutschland etwa 200 000 Rehe zum Opfer fallen.

Eine weitere große Gefahr geht von der landwirtschaftlichen Nutzung aus. Besonders dramatisch ist dabei das Verletzen oder Töten von Kitzen, die in Wiesen abgelegt sind, die gemäht werden. Die Termine für die Mahd fallen häufig in die Zeit, in der die Kitze noch nicht der Mutter folgen und noch keinen Fluchtreflex haben. So werden sie nicht selten von den Mähmaschinen verstümmelt und getötet.

Die gute Nachricht ist aber: Rehe sind in Deutschland in keiner Weise bedroht. Sie gehören sogar zu den Gewinnern in der Kulturlandschaft, an deren Bedingungen sie sich problemlos anpassen. Schätzungsweise leben in Deutschland um die 2 Millionen Rehe oder mehr.

Fazit: Rehe mögen uns als Allerweltstier erscheinen, weil jeder sie kennt und man sie nicht allzu selten beobachten kann. Doch wenn man genauer hinschaut, gibt es auch über sie viel zu lernen.

Fliehendes Reh
Irgendwann war ich dann doch zu nah und das Reh entschied, besser die Flucht zu ergreifen. Dabei wirkte es nicht panisch, denn dichtes Gebüsch zum „Abtauchen“ war sehr nah.

Mehr über die Wildnis direkt vor unserer Tür findest du hier. 

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