Schließen

BioFilia

Gleich vorweg – und wahrscheinlich kannst du es dir auch schon denken: Faultiere sind natürlich nicht faul. Es ist viel mehr so, dass sie eigentlich gar nicht anders können, als in Langsamkeit zu leben. Aber dazu später mehr.

Individualisten

Erstmal schauen wir uns an, was Faultiere überhaupt sind. Wie wir Menschen auch gehören sie zu den Säugetieren. Allerdings scheinen sie Individualisten zu sein, denn sie haben ein paar Merkmale, die sie von allen anderen Säugetieren unterscheiden.

Faultiere gehören wie Ameisenbären und Gürteltiere zu den zahnarmen Säugetieren. Sie haben insgesamt gerade einmal 18 Zähne und überhaupt keine Schneidezähne (zum Vergleich: ein erwachsener Mensch hat 32 Zähne, ein Hund sogar 42). 

Außerdem gibt es kein Milchgebiss und damit auch keinen Zahnwechsel. Dafür wachsen die Zähne das ganze Leben des Faultiers weiter.

Und noch ein weiteres Merkmal der Faultiere ist völlig einzigartig unter den Säuegtieren: sie haben 5 – 10 Halswirbel, je nach Art. Ausnahmslos alle anderen Säugetiere haben 7 Halswirbel – von der Maus bis zur Giraffe.

Allerdings haben Faultiere auch nicht einfach zusätzliche Wirbel – oder solche irgendwie verloren. Die abweichende Anzahl ergibt sich daraus, dass einige Wirbel der Brustwirbelsäule im Laufe der Evolution umgeformt wurden.

Zweifinger Faultier
Zweifinger-Faultier während der Fortbewegung

Außerdem – und ebenfalls anders als bei allen anderen Säugern – verläuft der Fellstrich bei Faultieren von hinten nach vorne. Diese Anpassung erleichtert das Abfließen von Regenwasser aus dem Fell bei den sich kopfüber fortbewegenden Tieren.

Eine große Vergangenheit

Derzeit leben sechs verschiedene Faultier-Arten in den Regenwäldern Süd- und Mittelamerikas. Sie gehören zu zwei Gattungen (also Arten-Gruppen): Zweifinger- und Dreifinger-Faultiere, die sich jeweils in einigen Merkmalen unterscheiden.

Zum Beispiel, wie der Name schon sagt, durch die Anzahl der Finger an den Vorderbeinen.

Es sind aber über 90 weitere Gattungen (also Artengruppen) bekannt – durch Fossilien.

Viele dieser Arten waren vermutlich längst nicht so langsam wie die heutigen Faultiere, hatten eine abwechslungsreichere Nahrung und lebten meist am Boden.

Berühmt sind vor allem die Riesenfaultiere: sie wurden in etwa so groß und schwer wie ein Elefant.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Die heutigen Faultiere sind winzig dagegen: sie sind zwischen 40 und 80 cm lang und wiegen 2-11 kg.

Faultiere sind Baumbewohner. Und sie ernähren sich fast ausschließlich von den Blättern der Bäume, in denen sie leben. Und hier kommen wir dem Grund für ihre Langsamkeit näher. Baumblätter haben einen extrem geringen Energiegehalt.

Vorteil: Es gibt kaum Konkurrenz um diese Nahrungsquelle.

Nachteil: Die Nahrung liefert kaum Energie.

Dreifinger Faultier
Dreifinger-Faultier mit Jungtier

Was also tun?

Scheinbar war es während der Evolution der heutigen Faultiere wichtiger, wenig Konkurrenz um Nahrung zu haben, als schnell zu sein. Und so ist heute ihr ganzer Körperbau und Stoffwechsel auf Langsamkeit ausgerichtet.

Sie leben in den Bäumen, deren Blätter sie fressen, müssen sich also kaum bewegen, um Nahrung zu finden. Einzelne Faultiere fressen oft nur von ganz bestimmten Baumarten.

Faultiere bewegen sich an Ästen hängend und sehr  langsam fort, ihre Muskulatur und ihr Körperbau sind so daran angepasst, dass sie dafür nur sehr wenig Energie benötigen.

Am Boden sind sie deshalb aber extrem unbeholfen – die meisten Faultiere werden von Feinden getötet, wenn sie am Boden sind, um Blase und Darm zu entleeren.

Das müssen Faultiere zum Glück aber auch nicht oft tun – alle paar Tage oder sogar einmal pro Woche reicht aus.

Weil die Blattnahrung so schwer verdaulich und energiearm ist, beträgt die Verdauungszeit bis zu 150 Stunden – so holen die Tiere so viel aus der Nahrung heraus wie möglich. Ist der Magen eines Faultiers vollständig gefüllt, macht er bis zu 1/3 seines Körpergewichts aus.

Natürlich sparen Faultiere nicht nur äußerlich Energie. Ihre Stoffwechselrate ist die niedrigste aller Säugetiere. Die Geschwindigkeit ihrer Muskelkontraktionen ist 3-6 – Mal langsamer als bei einer Hauskatze.

In den Ruhephasen sinkt sogar ihre Körpertemperatur deutlich ab. Eine sehr ungewöhnliche Eigenschaft bei eigentlich gleichwarmen Säugetieren – aber auch das spart Energie. 

Blätter allein sind nicht genug

Ein Problem bereitet die Blätter-Nahrung allerdings noch. Die Blätter sind nicht nur energiearm, sondern auch nährstoffarm. Sie geben den Faultieren also nicht alle Nährstoffe, die sie zum Leben brauchen. Die Lösung für das Problem ist eine ungewöhnliche Symbiose

Im Fell der Faultiere wachsen bestimmte Algen. Für sich alleine wäre das Fell natürlich kein besonders guter Nährboden, aber die Algen werden von Motten gedüngt. Diese Motten legen ihre Eier im Faultier-Kot ab.

Als Erwachsene leben sie im Fell der Faultiere, das sie durch ihre Ausscheidungen und die Rückstände aus ihrer Brutstätte mit Stickstoff und Phosphat anreichern: Dünger für die Algen.

Und diese Algen dienen den Faultieren als Ergänzungsfutter, denn sie sind viel leichter verdaulich, fett- und nährstoffreicher als die Blätter. 

Im Fell der Dreifinger-Faultiere findet man viel mehr Motten und Algen als bei Zweifinger-Faultieren. Letztere fressen sowieso neben den Blättern hin und wieder Früchte und Insekten. Deshalb sind sie viel weniger auf die Algen als Zusatznahrung angewiesen. 

Faultiere sind also alles andere als faul. Sie leben von einer Nahrungsquelle, die kaum ein anderes Tier nutzt und sie haben die Langsamkeit als Überlebensstrategie perfektioniert. 

Dreifinger Faultier
Dreifinger-Faultier

 

Schreibe einen Kommentar

Your name
Your email address
Website URL
Comment