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BioFilia

Jeder kennt doch Parasiten. Zecken, Stechmücken oder sogar Würmer. Nervige Plagegeister, die meistens auch noch ziemlich eklig sind. Wer Haustiere hat, ist vermutlich besonders vertraut mit Parasiten. Oder so scheint es.

Parasiten sind Lebewesen, die sich von einem anderen, größeren Organismus ernähren, der dann Wirt genannt wird. Meistens nehmen Parasiten Körperflüssigkeiten auf oder die im Verdauungstrakt bereits aufgeschlossenen Nährstoffe.

Der Wirt wird zwar durch den Parasiten geschädigt, bleibt aber in den meisten Fällen am Leben, woran der Parasit ja auch selbst ein Interesse hat. Nur einige wenige Parasiten schädigen ihren Wirt so stark, dass er nicht überlebt.

Parasiten sind oft sehr stark spezialisiert und ihr ganzer Körperbau perfekt an ihre Lebensweise angepasst. Es gibt sogar Parasiten, die so spezialisiert sind, dass sie nur mit Wirten  ganz bestimmter Arten überleben können.

So viel zur Definition von Parasitismus. Also in der Tat nur nervige Plagegeister?

Wechseln wir doch mal die Persepktive.

Das Netz der Natur

Lebewesen stehen stets in Wechselbeziehungen zu anderen Lebewesen. Nicht nur zu Lebewesen der eigenen Art, sondern auch zu anderen Arten. Genau diese Wechselbeziehungen sichern das Überleben. Parasitismus ist nur eine Form dieser Beziehungen.

Genau wie bei der Prädation (Räuber-Beute-Beziehung) profitiert einer der Beteiligten davon, während der andere geschädigt wird. Dazu gehört nicht nur der Fuchs, der ein Kaninchen reißt, sondern auch das Kaninchen, das Gräser und Kräuter abweidet.

Es gibt natürlich auch Wechselbeziehungen, die für beide Seiten von Vorteil sind (Symbiosen). Symbiosen sind in der Natur sehr weit verbreitet, weil jeder etwas davon hat.

Konkurrenz um begrenzte Ressourcen wie Nahrung oder Lebensraum ist für alle oder zumindest einen Beteiligten von Nachteil. Deshalb versuchen Lebewesen, Konkurrenz so weit wie irgendwie möglich zu vermeiden. Und dann gibt es natürlich auch noch Wechselbeziehungen, die einem der Beteiligten nützen oder schaden, aber für den anderen bedeutungslos sind.

Lebewesen können nicht nicht interagieren. Jedes Lebewesen steht irgendwie in Verbindung mit anderen. Daraus ergibt sich ein eng verwobenes Netz von Wechselbeziehungen.

Parasiten sind also erstmal einfach Lebewesen, die wie alle anderen Lebewesen in Wechselbeziehung zu anderen stehen. Sie haben außerdem eine Nahrungsquelle und einen Lebensraum für sich erschlossen, in dem sie möglichst wenig Konkurrenz und Fressfeinde haben.

Wechselbeziehungen von Lebewesen, Prädation, Symbiosen, Konkurrenz
Drei Formen von Wechselbeziehungen zwischen Lebewesen. Bei Prädation und Parasitismus wird einer der Beteiligten geschädigt oder kommt sogar um, der andere hat einen Vorteil, denn er hat dadurch Nahrung (+|-). Bei Symbiosen haben beide Beteiligten einen Vorteil (+|+): z.B. befruchtet die Biene die Blüten der Pflanze und erhält dafür Nektar, in diesem Fall können beide sogar nicht ohne den anderen überleben. Konkurrenz kann innerhalb einer Art oder zwischen verschiedenen Arten auftreten, wenn eine Ressource begrenzt ist. Entweder entsteht dadurch ein Nachteil für beide, weil nicht genug da ist, oder eine Art beansprucht den größten Anteil für sich, während die andere leer ausgeht (-|- oder +|-). Bild zum Vergrößern bitte anklicken.

Zecken: die perfekten Blutsauger

Genug der Vorrede, jetzt komme ich zu den Zecken. Als Hundebesitzer habe ich viel mit Zecken zu tun. 😉 Und da die Zecken-Saison gerade so richtig losgeht, habe ich sie mir heute als Beispiel herausgepickt.

Zecken gehören zu den Spinnentieren, genauer gesagt zu den Milben. Diese Verwandtschaft ist leicht an den acht Beinen zu erkennen.

Weltweit sind 900 verschiedene Zeckenarten bekannt, in Deutschland leben davon dauerhaft nur 5-6 Arten. Am bekanntesten sind der Holzbock (der auch auf allen Illustrationen in diesem Artikel abgebildet) und die gefürchtete Auwaldzecke.

Es gibt zwei große Familien von Zecken, die Schildzecken und die Lederzecken. Erstere sind weltweit verbreitet, die zweiten hauptsächlich in den Tropen und Subtropen.

Während Schildzecken meistens im Freiland im Bodenbewuchs ihren Opfern auflauern oder sogar aktiv auf die Suche gehen, leben die meisten Lederzecken nur in Bauten, Nestern oder Schlupfwinkeln ihrer Wirte, wo sie oft mehrere Jahre ohne Nahrung überleben können.

Zecken gibt es überall dort, wo es auch ihre Wirte gibt. Manche Arten sind auf nur einen oder ganz wenige Wirte spezialisiert, andere geben sich mit dem zufrieden, was vorbeikommt.

Viele Zecken bevorzugen Orte mit hoher Luftfeuchtigkeit und wärmere Temperaturen. Deshalb sind sie nach Regentagen im Frühling und Sommer oft besonders aktiv.

Anpassung ist alles!

Zecken sind hervorragend an ihr parasitisches Leben angepasst.

Die vier Beinpaare sind kräftig und oft mit Widerhaken ausgestattet, um sich am Wirt festhalten zu können. Der Körper ist flach und zäh und erleichtert die Bewegung auf dem Körper des Wirts, der ja oft mit Federn oder Fell bedeckt ist. Es gibt Zeckenarten mit und solche ohne Augen.

Wie alle Spinnentiere atmen Zecken durch ein Tracheensystem. Das ist ein Netz feinster Röhrchen im Körper, das die Körperoberfläche vergrößert und so die Aufnahme von ausreichend Sauerstoff möglich macht. Die Öffnungen dieses Systems befinden sich hinter dem letzten Beinpaar.

Besonders auffällig ist aber natürlich der Kopf der Zecken mit den Mundwerkzeugen. Von oben betrachtet sieht man nur die sogenannten Pedipalpen, die die eigentlichen Mundwerkzeuge verdecken und höchstens zum Tasten dienen.

Darunter jedoch befinden sich scherenartige Werkzeuge, mit denen die Zecke die Haut anritzt. Direkt darunter ist der „Stachel“ der Zecke zu finden, mit dem sie dann die Wunde zu einer Art Grube vertieft. Diese Grube läuft immer wieder mit Blut voll und wird leer gesaugt.

Zecke Mundwerkzeuge
Die Mundwerkzeuge einer Zecke. Die Pedipalpen verdecken von oben betrachtet meist die Mundwerkzeuge. Oberhalb des Stachels und Saugrüssels befinden sich scherenartige Werkzeuge (Cheliceren), mit denen die Zecke die Haut anritzt. Darunter ist der eigentliche Stechrüssel, der oft mit Zähne oder Widerhaken besetzt ist.

Unter dem Mikroskop offenbart sich die ganze Perfektion des Körperbaus der Zecken für ihre Lebensweise (Bildergalerie). 

Mit allen Tricks

Festhalten bitte!

Manche Zeckenarten verankern sich hauptsächlich mit ihren Mundwerkzeugen. Bei anderen würde das aber nicht ausreichen. Sie geben zusätzlich eine leimartige Substanz ab, mit der sie sich festkleben. Lederzecken saugen meist nur kurz (eine Stunde oder weniger), während Schildzecken oft tage- oder sogar wochenlang damit beschäftigt sind.

Erwachsene Weibchen können dabei ihr Gewicht verhundertfachen. Damit sie möglichst viel von ihrer Mahlzeit haben, behalten Zecken nur die nahrhaftesten Bestandteile, die Reste und überschüssige Flüssigkeit geben sie wieder in die Wunde ab. Dabei können dann auch Krankheitserreger in den Körper des Wirtes gelangen.

Da fragt man sich doch, warum bekommt der Wirt davon meistens nichts mit? Und warum hört das Blut in all der Zeit nicht auf zu fließen?

Heimlich und unbemerkt…

Schon beim Stechen und auch während des Saugens gibt die Zecke Speichel in die Wunde ab. Der Speichel einer Zecke enthält eine Vielzahl von Stoffen, die schmerz- und entzündungshemmend wirken, die Immunabwehr an der Stichstelle unterdrücken und die Gerinnung des Blutes verhindern.

Also alles ziemlich ausgeklügelt! Auch mit dem Speichel können Krankheitserreger übertragen werden. Der an sich harmlose Zeckenstich kann so zur Gefahr für den Wirt werden.

Der Weg zum Wirt

Zecken sehen kaum oder gar nicht und sie haben auch keinen Gehörsinn und keinen Geruchssinn, wie wir ihn kennen. Wie können sie dann einen Wirt finden?

An ihren Vorderbeinen haben Zecken ein Organ, das hohle Sinneshaare enthält, das Haller-Organ. Diese Sinneshaare haben viele Poren, durch die Moleküle flüchtiger Substanzen in das Innere des Haares gelangen können. Dort befinden sich bestimmte Sinneszellen, die auf die Moleküle reagieren und den Reiz weiterleiten.

Zecken erkennen so vor allem Substanzen, die in den Ausdünstungen, vor allem Atem und Schweiß, ihrer Wirte vorkommen.  Mit Hilfe dieser Reize und der Wahrnehmung von Vibration und Lichtveränderungen wissen Zecken dann, dass sich ein Wirt nähert.

Oft sitzen sie auf Blättern und Gräsern in Bodennähe und hängen sich an alles, was an ihnen vorbeistreift. Einige Arten gehen allerdings auch aktiv auf die Suche nach Opfern.

Hat die Zecke ein Opfer gefunden, krabbelt sie oft noch mehrere Stunden herum, denn sie suchen sich optimale Stellen: dünnhäutig und gut durchblutet. Deshalb kann man Zecken auch oft noch gut erwischen, bevor sie stechen.

Die nächste Generation und ein ewiger Kreislauf

Nach der Mahlzeit lassen sich die vollgesaugten Zecken einfach fallen. Ein erwachsenes Weibchen wird nun Eier legen. Oft mehrere tausend. Danach stirbt es. Da Lederzecken immer nur kurz saugen, können sie allerdings meist mehrmals saugen und Eier legen, bevor sie sterben.

Zecken-Weibchen mit Eiern
Eine weibliche Zecke bei der Eiablage. Zecken legen meist mehrere tausend Eier ab. Nach der Eiablage sterben sie.

Aus den Eiern schlüpfen winzige Larven, die nur sechs Beine haben. Damit sie sich weiterentwickeln können, brauchen sie einen ersten Wirt, meist kleinere Tiere wie Mäuse. Nach dieser Mahlzeit sind sie soweit, sich zu häuten – sie werden zur Nymphe.

Auch die Nymphe braucht einen Wirt. Erst nach dieser zweiten Mahlzeit häutet sich die Nymphe zum erwachsenen Tier. Und erst jetzt unterscheiden sich die zwei Geschlechter. Manche Zeckenarten machen es sich auch einfacher und suchen sich nur als Larve einen Wirt, auf dem sie dann alle Entwicklungsstufen durchlaufen.

Männchen und Weibchen suchen wieder nach einem Wirt, aber während das Weibchen sich vollsaugt, nehmen die Männchen nur noch wenig oder gar kein Blut mehr zu sich. Sie suchen auf dem Wirt vor allem die Weibchen.

Sieht man eine Zecke, auf der eine kleinere Zecke sitzt, als wollte sie diese aussaugen, dann sind es vermutlich Männchen und Weibchen bei der Paarung. Das Männchen deponiert ein Spermienpaket in der Geschlechtsöffnung auf der Bauchseite des Weibchens.

Das Männchen stirbt nach der Paarung, das Weibchen lässt sich fallen, legt Eier ab und der Zyklus beginnt von neuem. Zecken müssen oft sehr lange auf einen passenden Wirt warten. Es können Jahre vergehen, bis sie alle Entwicklungsstadien durchlaufen haben.

Lebenszyklus Zecken (Holzbock)
Ein Beispiel für den Lebenszyklus der Zecken: der Holzbock. Die Larven und Nymphen suchen sich meistens einen kleinen Wirt, aber das ist keine sichere Regel. Zwischen jedem Entwicklungsstadium liegt beim Holzbock eine Wartezeit auf einen neuen Wirt. Erst bei den erwachsenen Tiere unterscheiden sich die Geschlechter. Das Leben der Zecken endet direkt nach der Fortpflanzung. Bild zum Vergrößern bitte anklicken.

Die Geschichte von Nutzen und Schaden…

Im Zusammenhang mit Zecken tauchen immer wieder Fragen auf: „Warum gibt es die überhaupt?“ oder „Für was sind die denn überhaupt gut?“.

Diese Fragen sind sehr menschlich und aus menschlicher Sicht auch verständlich. Auch aus der Sicht von allen anderen Lebewesen, die von Zecken und anderen Parasiten befallen werden.

Beide Fragen sind auf den ersten Blick sehr ähnlich und meinen vermutlich sogar das gleiche. Um sie zu beantworten, muss ich sie aber trennen.

Gleich vorweg: Die Natur stellt diese Fragen nicht. In der Natur gibt es kein gut und böse, nützlich oder schädlich. Es gibt nur sein oder nicht sein.

Warum gibt es Zecken?

Zecken gibt es, weil es eine Nische für sie gibt. Punkt.

Im Laufe der Evolution haben sich Zecken an genau diese Nische angepasst. Und sie hat doch viele Vorteile: Zecken müssen sich in ihrem Leben kaum selbst bewegen. Sie brauchen deshalb nur wenig Sinnesorgane und nur ein einfaches Nervensystem. All das spart Energie.

Sind sie erstmal auf ihrem Wirt angekommen, sind sie auch noch relativ sicher vor Fressfeinden und niemand macht ihnen ihr Futter streitig. Klingt doch ziemlich super, oder?

Und das trifft nicht nur auf Zecken zu, sondern auf alle Arten von Lebewesen! Keine Art ist entstanden, um für irgendetwas gut zu sein. Jedes Lebewesen will erstmal vor allem eines: Überleben.

Wer will schon gerne gefressen werden oder dauernd um seine Nahrung kämpfen müssen? Daran hat sich sicher keine Art angepasst, sondern daran, wie man genau das am besten vermeidet und wie man am leichtesten Nahrung findet, kurz: wie man überlebt.

Wie man überlebt, obwohl man nie alleine ist. Hier kommt wieder die Vielfalt an Wechselbeziehungen ins Spiel. Ohne dieses Wechselspiel gäbe es viele Arten gar nicht. Sie sind entstanden, weil sie sich an eine Nische angepasst haben, in der sie möglichst wenig Konkurrenz und Fressfeinde, aber möglichst viele Vorteile durch andere Arten und die äußeren Bedingungen haben.

Und wozu sind sie gut?

Zecken sind, wie alle anderen Arten auch, also nicht entstanden, um für irgendetwas gut zu sein. Aber da sie nun mal da sind und sich an ein Umfeld voller Wechelbeziehungen angepasst haben, spielen sie eine Rolle im Ökosystem. Sie sind also zu etwas gut, weil sie nicht alleine sind.

Zecken und andere Parasiten spielen wahrscheinlich eine Rolle in evolutionären Prozessen, da sie Gesundheit und Immunsystem ihrer Wirte beeinflussen. Tiere, die stark durch Zecken und andere Parasiten oder die übertragenen Krankheiten geschwächt werden, haben oft weniger Nachkommen, als solche, denen die Parasiten wenig ausmachen.

Zecken dienen als Nahrung für manche Vögel, aber auch für andere Tiere. Und vor allem gibt es tatsächlich Parasiten, die Zecken befallen! Einige Pilzarten, Fadenwürmer und parasitische Wespen können Zecken das Leben schwer machen.

Wenn sie es könnte, was würde die Zecke wohl über diese Parasiten sagen? Und wie finden wir als Menschen die Parasiten, die eine Zecke befallen? Aus Sicht der Natur, gibt es überhaupt einen Unterschied? Es ist eben alles eine Frage der Perspektive.

Auch für die Krankheitserreger, die Zecken übertragen, sind die Zecken ziemlich super. Ein Transportmittel, das sie direkt von einem Opfer zum nächsten bringt. Für die Wirte ziemlich blöd, für die Bakterien und Viren ziemlich praktisch. Die Zecke selbst wird davon nicht beeinflusst, sie wird lediglich als Fahrzeug benutzt.

Die hohe Zahl an Eiern, die ein Zeckenweibchen legt ist ein typisches Merkmal für Arten, die sich nicht weiter um ihren Nachwuchs kümmern. Sie ist aber auch ein typisches Merkmal von Arten, bei denen nur ein Bruchteil der Nachkommen lange genug überlebt, um sich selbst fortzupflanzen.

Neben den natürlichen Feinden können den Zecken auch ungünstige Wetterbedingungen schaden. Manche finden nie einen Wirt. Und manch einer Zecke wird der Wirt selbst zum Verhängnis. Auch die erstaunlichen Substanzen in ihrem Speichel sind keine Garantie dafür, dass der Wirt sie nicht bemerkt.

Es ist völlig natürlich, dass ein Lebewesen sich Parasiten entledigt und diese auch tötet. Menschen neigen aber oft dazu, dann doch gleich am besten die ganze Art loswerden zu wollen. Parasiten sind Lebewesen wie alle anderen. Sie sind da, weil es eine Nische für sie gibt und sie spielen eine Rolle im Ökosystem, weil sie da sind.

Vielleicht könnte man Zecken ausrotten, und es würde nichts passieren. Vielleicht würde man aber auch eine Kettenreaktion auslösen, die ganze Ökosysteme zusammenbrechen lässt. Da wir die Verflechtungen des Netzes der Natur nicht vollständig erfassen können, sind die Folgen von Eingriffen niemals abschätzbar.

 

 

 

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